Adizah Eghan geht in ein Café, weil dort das Internet schneller ist. Sie verbringt gerade ein Jahr in Indien und möchte Beyoncés damals neues visuelles Album herunterladen. Wieder zu Hause setzt sie sich mit dem Laptop aufs Bett und drückt auf Play.
Farben, Tanz, Musik. Und plötzlich das Gefühl, etwas wiederzufinden, von dem sie gar nicht gewusst hatte, dass es ihr fehlte. So beschreibt die Radioproduzentin den Moment später im Podcast „The Science of Happiness“. Sie fühlt sich inspiriert und begeistert von der Vorstellung, wer sie sein könnte. [1]
Das Bemerkenswerte daran: Der Wunsch war nicht zuerst da, sauber formuliert und bereit für eine Aufgabenliste. Erst kam etwas, das sie ansprach.
Vielleicht ist das ein Anfang, wenn die Frage „Was tut mir eigentlich gut?“ gerade zu groß erscheint. Nicht gleich das ganze Leben durchleuchten. Erst einmal bei einer Szene, einem Lied oder einer Begegnung bleiben: Was genau daran hätte ich gern auch in meinem Leben?
Der Traumjob war da. Ein anderer Wunsch auch.
Mit 25 bekommt Eghan ihren Traumjob als Produzentin der Radiosendung und des Podcasts „Snap Judgment“. Als sie später eine Schreibübung über ihre erhoffte Zukunft ausprobiert, denkt sie trotzdem zuerst an Beziehungen, nicht an ihre Karriere.
Sie merkt, wie wenig Zeit sie sich für ihre Freunde genommen hat. Ihr Wunsch wird sehr anschaulich: Menschen, auf die sie sich verlassen kann. Mit denen sie alt wird. Deren Kinder sich vielleicht einmal mit ihren Kindern treffen.
Dazu gehört eine Erinnerung. Ihre Eltern stammen aus Ghana und haben sich mit anderen Ghanaern in ihrer Umgebung ein eigenes familiäres Netzwerk aufgebaut. Als Kind war diese Gemeinschaft für Eghan einfach da. Nun erkennt sie, dass dahinter Menschen steckten, die aufeinander zugingen und Kontakt hielten. [1]
Die Übung macht sie nicht nur zuversichtlich. Sie wird auch unruhiger: Tut sie selbst genug für die Gemeinschaft, die sie sich wünscht?
Ein deutlicherer Wunsch fühlt sich in ihrer Geschichte also nicht sofort angenehm an. Er zeigt ihr auch eine Lücke. Daraus muss aber kein neuer Vorwurf werden: Jetzt müsste ich auch noch vorbildlich Freundschaften pflegen.
Die Schreibübung heißt „Best Possible Self“. Die Berkeley-Anleitung sieht vor, zwei Wochen lang täglich 15 Minuten über eine möglichst gute eigene Zukunft zu schreiben – mit konkreten Einzelheiten zu Beziehungen, Arbeit, Hobbys oder Gesundheit. Grammatik darf dabei Pause machen. Hindernisse sollen für die Dauer des Schreibens in den Hintergrund treten; im wirklichen Leben verschwinden sie dadurch natürlich nicht. [2]
Wenn dich so ein Zukunftsbild neugierig macht, kannst du es ausprobieren. Wenn daraus vor allem „So müsste ich längst sein“ wird, darfst du es beiseitelegen. Ein einzelner guter Moment ist ebenfalls ein Ausgangspunkt. Du brauchst kein Idealbild von dir.
Will ich das – oder sollte ich es wollen?
Manche Wünsche klingen verdächtig nach einer fremden Stimme: mehr erreichen, geselliger sein, endlich ein beeindruckendes Hobby haben. Andere Dinge sind uns wichtig, obwohl sie weder glänzen noch immer Spaß machen.
Hier hilft eine Unterscheidung aus der Selbstbestimmungstheorie: Wir können aus Belohnung, Angst vor Folgen oder verinnerlichtem Druck handeln. Wir können aber auch etwas tun, weil es uns interessiert, Freude macht oder unseren eigenen Werten entspricht. Ein eigener Wunsch muss also nicht ausschließlich auf Vergnügen zielen. Ein schwieriges Gespräch kann dir wichtig sein, obwohl du dich nicht darauf freust. [3]
Die Theorie beschreibt außerdem drei psychologische Grundbedürfnisse:
- Autonomie: Wahlmöglichkeiten erleben und hinter dem eigenen Handeln stehen.
- Kompetenz: Erleben, dass man etwas kann und mit seinem Tun etwas bewirkt.
- Verbundenheit: Sich anderen Menschen nah und zugehörig fühlen.
Das sind hilfreiche Blickrichtungen, keine drei weiteren Aufgaben. Und sie betreffen nicht nur dein Innenleben: Menschen in deinem Umfeld können diese Bedürfnisse unterstützen oder ihnen im Weg stehen. Fehlende Wahlfreiheit lässt sich nicht einfach wegreflektieren. [3]
Sechs Fragen zur Selbstreflexion – keine Prüfung
Wenn du magst, such dir eine Frage aus, bei der du kurz hängen bleibst. Ein paar Stichwörter reichen. Die anderen Fragen dürfen unbeantwortet bleiben.
1. Welche Geschichte, Musik oder Begegnung hat zuletzt etwas in mir angesprochen?
Was war es genau: die Ruhe, der Übermut, das Miteinander, die Freiheit, etwas auszuprobieren?
2. Wie sähe ein guter, gewöhnlicher Tag für mich aus?
Kein Traumurlaub mit perfektem Licht. Eher ein Dienstag: Was würdest du tun, wo wärst du und mit wem?
3. Was an diesem Wunsch interessiert mich oder ist mir persönlich wichtig?
Und wo höre ich eher ein „Das sollte ich wollen“? Du musst daraus keine zwei sauber getrennten Listen machen.
4. In welcher Situation kann ich selbst entscheiden und stehe hinter dem, was ich tue?
Vielleicht geht es um eine kleine Wahl im Alltag, vielleicht um eine größere Grenze.
5. Bei welcher Tätigkeit merke ich, dass ich etwas kann oder dazulerne?
Gemeint ist keine preisverdächtige Leistung. Auch ein reparierter Reißverschluss zählt.
6. Bei wem fühle ich mich zugehörig und mit meinen Gefühlen ernst genommen?
Von welcher Art Miteinander hättest du gern mehr?
Diese Fragen sind Anregungen, kein Test mit einer verborgenen richtigen Antwort. Du kannst auch feststellen: Dazu weiß ich gerade nichts.
Einen Wunsch im Kleinen kennenlernen
Aus einer Antwort muss nicht sofort ein Lebensplan werden. Du könntest dir stattdessen eine überschaubare Gelegenheit suchen, etwas auszuprobieren.
Angenommen, dich berührt in einer Geschichte besonders, wie Freunde selbstverständlich Zeit miteinander verbringen. Dann wäre ein möglicher Versuch, jemanden zu einem Spaziergang einzuladen. Nicht gleich einen Freundeskreis für die nächsten vierzig Jahre organisieren. Erst einmal schauen, wie sich dieses Treffen anfühlt.
Oder dich zieht eine Szene an, in der jemand ganz in einer handwerklichen Tätigkeit aufgeht. Vielleicht möchtest du etwas mit den Händen ausprobieren. Vielleicht reizt dich aber auch die ungestörte Zeit daran. Das lässt sich offenlassen, während du erste Erfahrungen sammelst.
Danach könntest du notieren: Was war angenehm? Was war mir wichtig, auch wenn es anstrengend war? Was passte weniger, als ich erwartet hatte?
Auch „anders als gedacht“ darf eine Antwort sein. Du musst weder an der ersten Vermutung festhalten noch aus jedem schönen Moment ein neues Hobby machen.
Für heute könnte ein kleiner Satz genügen: Davon hätte ich gern ein bisschen mehr.
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Quellen und Einordnung
[1] The Science of Happiness: „How to Find Your Best Possible Self“, Greater Good Science Center, 19. März 2018. Grundlage für Adizah Eghans Album-Erlebnis, ihren beruflichen Weg und ihren Wunsch nach Gemeinschaft. Es handelt sich um persönliche Erfahrungen, nicht um allgemeine Wirkungsnachweise. Im Gespräch erläutert die Psychologin Serena Chen außerdem, wie idealisierte Zukunftsbilder unter Druck setzen können.
[2] „Best Possible Self“, Greater Good in Action. Quelle für Ablauf und Zeitumfang der Schreibübung. Die dort zusammengefasste Studie von Sheldon und Lyubomirsky (2006) berichtet Zuwächse positiver Gefühle bei überwiegend weißen, weiblichen Studierenden – keinen Nachweis dafür, dass die Übung zuverlässig die „richtigen“ Wünsche oder Entscheidungen liefert.
[3] „Self-Determination Theory of Motivation“, University of Rochester Medical Center. Patienteninformation zu Motivationsqualitäten, Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit sowie zur unterstützenden oder hindernden Rolle des sozialen Umfelds.
Die sechs Reflexionsfragen und die Idee des kleinen Alltagsversuchs sind eigene redaktionelle Anregungen aus diesen Geschichten und Konzepten. Sie sind kein wissenschaftlich geprüftes Instrument.
Mit KI erstellt.
